Created: Monday, 01 September 2008 21:36 | Rate this article
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| Category: Reviews

Jan Hoff, review of Karl Marx's Grundrisse. Foundations of the Critique of Political Economy 150 years later, 2008.

Das 150-Jahre-Jubiläum der Marxschen Grundrisse der Kritik der politischen Ökonomie von 1857/58 hat in der internationalen Fachwelt – im Gegensatz zur breiteren Öffentlichkeit – erhebliche Resonanz hervorgerufen.

Die große Rezeptionswelle der späten 60er und der 70er Jahre, die nicht zuletzt durch Roman Rosdolskys umfangreichen Kommentar von 1968 inspiriert wurde, ist längst abgeklungen. Dennoch bilden die Grundrisse einen ständigen Bezugspunkt in der internationalen Debatte zur Kritik der politischen Ökonomie. In diesem Zusammenhang steht auch der vorliegende Sammelband.

Der erste Teil des Bandes ermöglicht einen Einblick in die thematische Vielfalt der gegenwärtigen Grundrisse-Diskussion. Dabei werden von einem internationalen Autorenkreis so unterschiedliche Themen wie die Marxsche Methode, die Grundrisse und Das Kapital, der Marxsche Wertbegriff, die Entfremdungsproblematik und Marx´ Gedanken zu einer postkapitalistischen Gesellschaft behandelt. Ellen Meiksins Wood stellt die Problematik des historischen Materialismus in den Mittelpunkt, wobei sie speziell auf den bekannten Grundrisse-Abschnitt eingeht, der von den „Formen, die der kapitalistischen Form vorhergehen“ handelt. Der Sozialismus sei nicht als telos eines universellen historischen Determinismus zu begreifen, sondern als Resultat der Überwindung einer historisch-spezifischen, der kapitalistischen Produktionsweise. Die Marxsche Geschichtsauffassung ist nach Wood stärker historisch und weniger deterministisch als der Fortschrittsglaube der Aufklärung. Statt die Geschichte als einen unilinearen und von transhistorischen Prinzipien regierten Fortschrittsprozess zu deuten, habe Marx die Spezifik jeder einzelnen historischen Produktionsweise in den Mittelpunkt gestellt.

Enrique Dussels Aufsatz zur Marxschen Entdeckung der Kategorie des Mehrwerts ist vor dem politisch-theoretischen Hintergrund des argentinischen Philosophen, seiner Vorreiterrolle innerhalb des auf die Dependenztheorie gestützten Diskurses der lateinamerikanischen Befreiungsphilosophie zu betrachten. Einen entscheidenden Verbindungspunkt mit der Dependenztheorie sieht Dussel in Marx´ These von der Notwendigkeit des Kapitals „to increase its own value by overcoming new limits that are constantly set at higher levels and ever more distant and difficult to reach“. (S. 73) John Bellamy Foster untersucht die ökologischen Widersprüche des Kapitalismus unter Bezugnahme auf die Grundrisse. In den Grundrissen sei eine Dialektik des Verhältnisses Natur-Gesellschaft enthalten. Diese Dialektik umfasst gemäß Foster mehrere Komponenten: die kritische Analyse der Produktion im allgemeinen sowie ihrer historisch-spezifischen Formen; eine Theorie der menschlichen Bedürfnisse in Bezug auf Gesellschaft und Natur; eine Analyse vorkapitalistischer Formationen; den Aspekt der „äußeren Schranken“ des Kapitals; schließlich eine Auseinandersetzung mit Malthus´ Theorie von Bevölkerung und Natur.

Im darauffolgenden Teil gewähren Texte von Marcello Musto und Michael Krätke einen Einblick in die Marxsche Lebenssituation zur Zeit der Arbeit an den Grundrissen, in Marx´ Tätigkeit als Wirtschaftsjournalist und in seine Sammlung empirischen Materials zur internationalen Wirtschaftskrise von 1857/58. Die biographischen, theoretischen und weltwirtschaftlichen Zusammenhänge, in denen die Marxsche Arbeit an den Grundrissen zu sehen ist, werden hier aufbereitet. Krätke hebt hervor, dass sowohl mit Blick auf die politische Theorie von Marx als auch bezüglich der Kritik der politischen Ökonomie die journalistische Tätigkeit von Marx von höchster Relevanz gewesen sei. Die während der Niederschrift der Grundrisse entstandenen Marxschen „Krisenhefte“ von 1857/58, in denen er die Dynamik und die internationale Dimension der Krise dokumentiert hat, werden demnächst im MEGA²-Band IV.14 veröffentlicht.

Der dritte Teil des Buchs enthält eine Übersicht über die weltweite Verbreitung und Rezeption der Grundrisse. Dabei werden sämtliche Länder unter die Lupe genommen, in denen dieses Marxsche Werk bisher erschienen ist. Für Kenner der Debatte dürfte dies der ergiebigste Teil des vorliegenden Sammelbands sein. Anhand der durchweg informativen Kapitel lässt sich nachvollziehen, wann die Grundrisse (oder einzelne Abschnitte daraus) erstmals in bestimmten Sprachen publiziert wurden und innerhalb welcher theoretischer Auseinandersetzungen sich die Rezeption entwickelte. Die Grundrisse liegen mittlerweile in über 20 Sprachen in vollständiger Fassung vor, Teilübersetzungen in weitere Sprachen kommen hinzu.

Es ist evident, dass die Angaben der 22 Fachleute aus aller Welt, die im dritten Teil des Buchs zu Wort kommen, durchaus noch weiter ergänzt werden können. Dies betrifft nicht zuletzt die Frühphase der internationalen Grundrisse-Rezeption. Dem Kapitel zu Frankreich (S. 223-228), verfasst von André Tosel, ist beispielsweise nicht zu entnehmen, dass der bekannte „Marxologe“ Maximilien Rubel bereits 1950 einen Aufsatz veröffentlichte, in dem er ausführlich auf die damals außerhalb der Sowjetunion fast unbekannten Grundrisse einging (siehe Maximilien Rubel, Contribution a l´Histoire de la Genèse du Capital. Les Manuscrits économico-politiques de Karl Marx [1857-58], in: Revue d´Histoire économique et sociale 28 [1950], S. 169-185.) Dies ist auch deshalb bemerkenswert, da die Grundrisse erst durch die Ostberliner Ausgabe von 1953 einem größeren Publikum in den westlichen Ländern bekannt wurden. Das Kapitel zu Japan (S. 213-218) ist von Hiroshi Ushida verfasst. Eine japanische Übersetzung der Grundrisse erschien bereits 1958-65, früher als alle anderen Übersetzungen. Uchida unterlässt es aber, auf die Grundrisse-Lektüre durch den Marx-Interpreten Kinzaburo Sato in den 50er Jahren hinzuweisen. Sato vertrat in einer Arbeit von 1954, in der er sich bereits viele Jahre vor der großen Grundrisse-Lektürewelle im Westen auf dieses Marxsche Werk bezog, eine neue Auffassung zum Marxschen Planänderungsproblem. Sato zufolge entspricht Das Kapital keineswegs dem Gliederungspunkt „Kapital im allgemeinen“ des ursprünglichen Aufbauplans, womit er von der „klassischen“ Sichtweise Samezo Kurumas aus dem Jahr 1930 abwich.

Kritisierenswert ist, dass Pedro Ribas und Rafael Pla León, die die Editions- und Rezeptionsgeschichte in Kuba, Argentinien, Spanien und Mexiko nachzeichnen (S. 236-239), viel zu kurz auf den für die lateinamerikanische Grundrisse-Rezeption wirklich zentralen Textkommentar von Enrique Dussel aus dem Jahr 1985 eingehen. Das Kapitel über die deutschsprachigen Länder (S. 189-201) ist von Ernst Theodor Mohl verfasst. Hier hätte man sich einen Hinweis auf den Briefwechsel zwischen Karl Korsch und Roman Rosdolsky (der 1967 verstarb, nicht 1965, wie Mohl schreibt) aus den frühen 50er Jahren gewünscht, der einen Bestandteil der Frühgeschichte der deutschsprachigen Grundrisse-Rezeption bildet. Doch dies mindert den Wert von Mohls gründlicher Übersicht nicht. Hervorzuheben sind außerdem die Kapitel von Lyudmila Vasina über die Verbreitung und Rezeption der Grundrisse in der Sowjetunion (S. 202-212) und Christopher Arthurs Überblick über die angelsächsischen Länder (S. 249-256).

Insgesamt handelt es sich um einen vom Herausgeber mit großem Aufwand und beeindruckender Sorgfalt konzipierten Band, dem zu wünschen ist, dass er sich (trotz des Preises) in der internationalen Marx-Debatte schnell als ein Standardwerk etablieren wird.